Philanthropy of Places

Forschungsstudie zur Wirkung außergewöhnlicher Tagungs- und Begegnungsorte geplant – Stifterin Dr. Helga Breuninger hat in den letzten Jahrzehnten verschiedene Orte mit besonderer Atmosphäre geschaffen, an denen Wissenschaftler, Politiker und Praktiker aus allen Sektoren zusammenarbeiten, sich austauschen und inspirieren lassen können: Die kanadische Insel Wasan Island gehört ebenso dazu wie der Campus Paretz in Brandenburg. Weil aus der langjährigen transsektoralen Arbeit an diesen Orten viele positive Erfahrungen erwachsen sind, möchten die Helga Breuninger Stiftung, die Stiftung Paretz und die Breuninger Stiftung nun wissenschaftlich erforschen lassen, welche Wirkung diese Orte auf den Erfolg einer Veranstaltung ausübt. Eine empirische Studie soll ermitteln, ob an diesen Orten mit einzigartiger Geschichte, Natur und Gastfreundschaft  sowie einer unterstützenden und wertschätzenden Haltung des Gastgebers die Qualität der Zusammenarbeit und das Ergebnis der Workshops nachweislich höher sind. Zur Entwicklung des Forschungsdesigns wird eine Kooperation mit der D-School des Hasso-Plattner-Instituts der Universität Potsdam, der Zeppelin Universität Friedrichshafen und der Ludwig-Maximilians-Universität München angestrebt.

Im Interview: Helga Breuninger, Wasan Island – Orte mit Wirkung

Seit 1999 nutzt die Breuninger Stiftung Wasan Island als Ort für Begegnungen und Veranstaltungen. Wie kam es überhaupt dazu?
Die Geschichte ist so, dass ich 1982 das erste Mal nach Kanada kam, weil mein Vater mir in Toronto ein Bürogebäude hinterlassen hatte. Ich reiste gemeinsam mit meiner Familie, und wir waren gleich begeistert von Kanada: von seiner Natur, dem Wasser, den Menschen. Aus dieser Begeisterung heraus kauften wir ein kleines Ferienhaus, 200 km nördlich von Toronto am Lake Rosseau in Muskoka. Wasan Island haben wir dann 1985 entdeckt und bis 1999 privat genutzt. Dann waren die Kinder groß – und ich wollte die Insel verkaufen.

Was hat Sie davon abgehalten?

Ich bat Volker Hann, Kommunikationsdesigner und Mitarbeiter von mir, sich Wasan Island anzusehen und einen Verkaufsprospekt zu entwerfen. Der hatte aber eine andere Idee, nämlich die Insel für die Stiftung zu nutzen. Und nach einigen Umbauten kamen dann die ersten Gruppen für ihre Treffen: Interdisziplinäre Wissenschaftler, UN-Initiativen, World Comissions, der Club of Budapest und unsere internationalen Teilnehmer des Wasan Projekts.

Es gibt so viele Tagungsorte und Hotels, die sich auf Konferenzen spezialisiert haben. Was stört Sie daran?

Vor 1999 hat die Breuninger Stiftung ähnlich wie die BMW Stiftung viele Foren und Kollegs veranstaltet, vor allem auch in großen Hotels. Da ging es sehr formell zu. Die Menschen trugen Anzug und Namensschild, und im Hintergrund flitzten die Kellner hin und her. Daneben gab es stets eine gewisse Konkurrenz: Wer drückt sich am besten aus? Wer gibt das schlaueste Statement ab? Gleichzeitig habe ich nie diese Intensität in den Gesprächen erlebt wie später auf Wasan Island. Und ich hatte nie das Gefühl, dass die Leute wirklich in Kontakt gekommen sind.

Was läuft auf Wasan Island so anders?

Die Insel wird nicht kommerziell vermietet, sondern wir nutzen sie mit der Liebe zum Platz, der Liebe zum Menschen und einer philanthropischen Haltung. Das ist etwas völlig anderes, wenn ich mit dieser Haltung einlade, anstatt dass ich Zimmerpreise festlege und jedes Glas Wein etwas kostet. Die Leute kommen als Gäste zu uns und nicht als Kunden. Wenn sie mit unserem Boot ankommen steht das ganze Team am Dock und begrüßt jeden Einzelnen. Das ist wie ein Familienempfang. Man kommt an einen Platz, wo man erwartet und wertgeschätzt wird und an dem man spürt, dass da Geschichten sind.

Wir wirkt sich das auf die Treffen aus?
Wir wollen einen spirit of community schaffen. Einen Geist, der die Leute dazu bringt, sich für die gemeinsame Sache zu engagieren und sozusagen „selbstlos“ zum Thema beizutragen. Sich einzubringen aus der Motivation, der Gesellschaft etwas zurückzugeben und globale Verantwortung zu übernehmen. Es ist ein Miteinanderleben für die Tage, die man dort verbringt. Auf Wasan Island stehen die Leute morgens auf und begegnen sich beim Schwimmen oder beim Yoga. Die Gäste werden auch in die Arbeit eingebunden, helfen zum Beispiel beim Holzhacken oder beim Aufräumen.

Und dadurch überwinden Sie die Schwächen konventioneller Konferenzen?

Ja. Denn die Menschen sind auf Wasan Island sofort miteinander in Kontakt. Was seit Beginn des modernen Menschen, also seit Leonardo da Vinci passiert ist, ist Folgendes: Wir zergliedern und zerteilen alles. Dadurch geht der Blick aufs Ganze verloren. Vor 300 Jahren gab es nur die Philosophie als Wissenschaft, daraus haben sich die Naturwissenschaften und die Geisteswissenschaften entwickelt. Als ich in den sechziger Jahren Psychologie studiert habe, gab es eine Psychologie – heute sind es acht Fachrichtungen. In der modernen Gesellschaft haben wir überall Fachbereiche, die Teile abdecken, aber das Dazwischen und die Verbindung zwischen den Teilen fehlt. Wir brauchen aber dringend ressortübergreifendes Denken. Und das entwickelt sich nur, wenn die Leute miteinander in Kontakt kommen – vorbehaltlos und an der Sache interessiert. Und nicht mit dem Gedanken: „Was nützt es mir für mein Geschäft, diesen Firmenvorstand kennenzulernen?“

Welche Rolle spielt die Natur auf Wasan Island?

Auf Wasan Island merkt jeder gleich, dass es ein ganz besonderer Ort ist. Die Natur ist übermächtig. Sonst ist sie oft Kulisse, auf Wasan Island ist sie präsent. Man tritt raus und ist sofort in einer grandiosen Natur, mit den alten Bäumen, dem Wasser, mit dem Wind. Indem wir unsere Gäste hierher einladen, bringen wir sie wieder in Verbindung mit sich selbst, dem Ort, der Natur, dem Menschen.

Sie ziehen eine Verbindung zwischen der Art und Weise, wie Sie Orte für die gesellschaftliche Erneuerung nutzen, und dem „WeQ“ als neuem sozialen Megatrend. Was verbirgt sich dahinter?

Der Megatrend, den die Breuninger Stiftung schon seit über zehn Jahren aufnimmt, ist Beteiligung. Ich denke das ist der große Trend: die Kräfte aus der Zivilgesellschaft, die beteiligt werden wollen. Der WeQ betont im Unterschied zum IQ – ich mach das– die Qualität des Wir. Im Mittelpunkt steht das Sichverbinden, das Stiften von Synergien, das Arbeiten an der gemeinsamen Lösung, das Teilen von Gütern und Waren. Es ist eine Gegenbewegung zur Moderne, in der die großen Zusammenhänge voneinander isoliert wurden. Heute geht es wieder darum, ganzheitlich zu denken und Komplexität als Lösung zu verstehen, nicht als Problem. Das ist nur möglich, wenn viele Menschen aus ihren jeweiligen Handlungsperspektiven heraus ihren Beitrag zu dem größeren Ganzen leisten darüber die Innovation ermöglichen, mit der wir gesellschaftliche Wirkung erzielen können.

Das Interview führte Barbara Müller.

Ein Video über Wasan Island
Interview mit Otto Scharmer

Haben Sie Fragen zu Wasan Island? Bitte wenden Sie sich an Volker Hann.

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Artikel über Wasan Island im Lakeside Magazin 2014. Bitte klicken Sie auf das Bild.